BETRACHTUNGEN - Josie Rücker Regisseurin Fotografin Filmemacherin

JOSIE  RÜCKER  REGISSEURIN  FOTOGRAFIN  KAMERAFRAU
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BETRACHTUNGEN

Text

INHALT
________


 1 – ANJA
 2 – IM SANDKASTEN
 3 – FREUND VON JENNY FÄHRT ZUM VATER
 4 – MORGENS BEIM VATER VON JENNY
 5 – VATER WIRD VON JENNY AUS DEM GEFÄNGNIS ABGEHOLT
 6 – DER VATER IN DER ZELLE – DAS BILD DER TOCHTER
 7 – EIN PUPPENSPIEL NACH SARAH KANE
 8 – DAS ERSTE TREFFEN
 9 – ANJA PFLEGT EINE ALTE FRAU
10 – ANJA AM CAFÉTISCH
11 – DER TRAUM DER MICHELINMÄNNCHEN
12 – SZENE VOR DEM FERNSEHTURM
13 – VATERTAG
14 – VATERTAG
15 – GROßMUTTER
16 – DER FISCHER
17 – ICH SEHE WAS
18 – NUR EIN BISCHEN
19 – HEILIGE JOHANNA DER SCHLACHTHÖFE I
20 – ZITAT
21 – HEILIGE JOHANNA DER SCHLACHTHÖFE II
22 – IM GEFECHT
23 – MÄNNER AUS “EASWALDE”
24 – NACH DEM ZUSAMMENRISS
25 – LIEBER BUCK
26 – AM SEE
27 – HIOB SAID IT
28 – PRELUDE TO WAR
29 – 23. JULI
30 – ANDREAS SCHELLENBERG
31 – MAGNIFICANT AMBERSON
32 – TAPE 1 TÜTER TÜTER
33 – BEATRICE


34 – DER SCHATZ
35 – AUF DEM WEG ZU DEN KOPIEN
36 – BACH IST DIE VORBEREITUNG
37 – DU SOLLTEST MICH SEHEN
38 – PUDOWKIN
39 – LIEBE IRENE
40 – BIESENTHAL
41 – BEDINGUNGEN
42 – IN MÜNCHEN
43 – SONJA
44- MANCHMAL
45 – KEINER
46 – NEULICH IM FLUR BEI AYSUN
47 – OMI
48 – PUDOWKIN SEITE 76
49 – LIEBER B.
50 – DER TYP IN VATERTAG
51 – AUS DEM SIMPLICISSIMUS
52 – VICKY
53 – C., OMI UND KAFKA
54 – DER TURM
55 – DER EINZIGE SINN
56 – EBERSWALDE
57 – ZUM VATERTAG
58 – GESCHICHTEN UM FRAU VIOHL
 HORST
 DIE TREPPE VON GROß VARGULA
 EVANGELISCHES GESANGSBUCH
 GÖTTINGEN
 KIRCHENGLOCKE
 THOMAS MÜNTZER – ERSTER REVOLUTIONÄR
59 – TELEFONSEX
60 – DER KÜNSTLER
61 – ER SIE ES
62 – EINE OPER FÜR 30 CENT
63 – BEETZ
64 – ENDE

- 1 -

ANJA IN IHRER WOHNUNG MIT IHREM LIEBSTEN – DIE WOHNUNG
GENAU WIE ZUHAUS
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Freund, der aus dem Fenster guckt

der Schlüssel schließt
die Tür geht auf
Anja herein
Schmeißt Schlüssel auf Bord
geht in Küche, räumt trockenes Geschirr weg

Sie:
Oh Mann, kannst du nicht auch mal was machen
außer den ganzen Tag aus dem Fenster starren.

Im Hintergrund ihr Freund, der das Fenster schließt
zu ihr kommt, sie von hinten umarmt.

Er:
Ich hab auf Dich gewartet.

Sie (macht sich los):
Na fein.

Sie setzt sich ins Wohnzimmer
auf den gleichen Platz wie zuhaus,
der Freund setzt sich auf den Platz des Vaters.


ca. 2002



- 2 -

IM SANDKASTEN
________________

Ein Mädchen, ein Junge / sie rempelt ihn, lachend,
versucht / ihn umzustoßen mit den kleinen Händen./
er schubst sie weg mit der ausholenden Hand /
sie fällt in den Sand
Sie steht auf, nimmt / Anlauf, stößt ihn in die Seite, lacht
mit / großen Augen
er geht weiter, die Handbewegung / die sie wieder in den Sand
wirft.
Sie steht auf / klopft sich ab, schmunzelt, und rennt los. In / seinen Augen Tränen. Er spürt den Ruck, sie / zerrt
an seinem Pullover. Er faßt ihre zwei Hände / wirft sie
zu Boden, sie jauchzt. Seine Knie auf / ihren Händen, nimmt
er den Sand, preßt ihn auf / ihren Mund. /
Er ist still.
Ihr Mund spuckt. Seine Hand voll Sand auf ihren Augen.
Schneller / scheffelt er, bedeckt die Augen wieder, den
Mund nochmal, die Nase, die Haare ganz unter Sand. Bis
sie so liegt, /
Er läßt ihre Hände los. mit den Knien



- 3 -

FREUND VON JENNY FÄHRT ZUM VATER
_______________________________________

Die Geburtstagskassette
(mit Jenny oder ohne)
Neil Young: First Love is the deepest

Der Geburtstagstisch, Blumen in der Vase, eine Flasche Cognac, ein Hemd mit dünnen blau-weißen Streifen, ein Foto , 12x reproduziert in verschiedenen Gradationen.
Auf dem Foto, DER JUNGE, der vor dem Geburtstagstisch steht. In der Hand ein kleines Geschenk, eingepackt schlecht. Er hört den Vater im oberen Stock. Das Geschenk packt er zu den anderen auf den Tisch.
DER VATER kommt die Treppe herunter, krempelt sich die Hemdsärmel hoch. Er nickt dem Sohn zu, dieser steht gleich straffer, bevor er dem Vater folgt.

Beide nun auf der halbfertigen Terrasse des Hauses. Die Panele sind gelegt, die Umrandung fehlt noch, dort gibt es dunklen Sand. (Im Hintergrund der Pick Up des Sohnes).

DER SOHN (schaut aufs Holz):
Das Holz, behandelt?

DER VATER:
Muß man, muß man.

DER VATER (deutet zum Auto):
Sprit?

DER SOHN (zuckt mit den Achseln):
Immer.

Beide gehen zum Auto, dahinter der Schuppen.

DER VATER (schaut zum Fahrzeug):
Das war mal weiß, oder?

Er geht um das Auto herum:
DER VATER:
Und die Scheiben? Mann Mann Mann!

Der Vater setzt sich in den Pick Up, öffnet die Motorhaube.

DER SOHN stöhnt:
Oh Vadder!

Der Vater zieht den Ölmeßstab, steckt ihn rein, wieder raus, wischt ihn ab, wieder rein – alles mit voller Präzision – er schaut und schaut.

DER VATER:
N Wunder, daß du überhaupt bis hierhergekommen bist.




- 4 -

MORGENS BEIM VATER VON JENNY, DER ALKOHOL AUF DEM TISCH
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Die Freundin des Vaters räumt schweigend den Tisch.

Die Freundin wischt den Tisch auf der Terrasse, die Plastikdecke, hebt die Flaschen hoch, Zwei Bier, eine Flasche Korn. zwei leere Flaschen Schnaps trägt sie ins Haus. Die Sonne scheint, es ist heiß.
JENNY kommt auf die Terrasse, setzt sich an den Tisch, blickt in die Richtung des Alkohols. ANNA kommt raus.

JENNY:
Ist Papa da?

ANNA nickt, zeigt mit dem Kopf Richtung Garten.
JENNY geht nach hinten.
Anna stellt zwei neue Flaschen Bier auf den Tisch.
Aus dem Garten kommen Jenny und ihr Vater. Jenny blickt kurz in Annas Richtung.
Der Vater legt seinen Arm um Jenny`s Hüfte.

DER VATER mit Blick auf Anna:
Lass die!

Die beiden verschwinden im Wald.




- 5 -

VATER WIRD VON JENNY UND IHREM FREUND AUS DEM GEFÄNGNIS GEHOLT
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BASTIAN (DER SOHN) – nah von unten, fährt im Pick Up. JENNY liegt auf seinem Schoß, betrachtet ihn.
Die Bäume fliegen vorbei. JENNY schließt die Augen. Das Motorengeräusch summt gleichmäßig, Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Sie schaut BASTIAN an. Der Motor wird langsamer, er lenkt, im Fenster ziehen Straßenlaternen vorbei.

JENNY (richtet sich auf):
Kommst du mit?

BASTIAN schaut sie an.
Sie steigt aus, läuft schnellen Schrittes -

zum Gefängnistrakt: Ein großer Betonklotz, weiß mit drei grauen Toren und einem roten. Jenny klingelt, schaut zur Überwachungskamera, die über der Tür hängt.
BASTIAN im Auto begleitet sie mit den Augen, senkt den Kopf, schaltet die Kassette an.
JENNY verschwindet hinter der großen Tür.

Die Musik ist erst klassisch, dann Philip Boa, dann…

DER PFÖRTNER schaut auf den Monitor, der Pick up ist klein im Bild, s/w

Vor dem Pförtner stehen JENNY und ihr VATER. Der Pförtner drückt den Knopf zur Freigabe der Tür. Jenny und ihr Vater treten heraus an den Schranken vorbei ins Freie. Der Pförtner beobachtet die beiden auf dem Monitor, wie sie zum Pick up gehen.

JENNY und ihr VATER laufen zum Auto. Er ist ein bischen hinter ihr.

JENNY (zu ihrem Vater):
Jetzt mach dir keine Sorgen.

DER VATER hat die Haare ganz kurz geschoren. JENNY öffnet die Tür. Laute Heavymusik dröhnt heraus. Sie bückt sich hinein. BASTIAN schaut nach vorn.

JENNY (zu Bastian, immer noch lachend):
Hey, Party!

Alle müssen schreien, weil die Musik so laut ist.

JENNY setzt sich neben BASTIAN:
Bastian, mein Vater. Daddy, das ist Bastian.

DER VATER setzt sich, zögerlich – auch vorne – auf den dritten Platz.

DER VATER (gibt Bastian die Hand):
Sehr angenehm.

BASTIAN startet den Motor.

Sie fahren zu dritt. Jenny in der Mitte, etwas gedrängt, schaut zum Vater. Der fasst ihre Hand.

DER VATER:
Mensch, schön, dass du da bist.

Der Vater greift ihr in die Wange, zieht ihr Gesicht zu sich und küsst sie auf den Mund. Lang. JENNY macht sich los, schaut nach unten, dann – mit einem Lächeln – zu BASTIAN. Der schaut auf die Straße. Jenny legt den Kopf auf Bastians Schulter.

DER VATER beobachtet zitternd die vorbeifliegenden Bäume.



- 6 -

DER VATER IN DER ZELLE – DAS BILD DER TOCHTER
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Der Beamte in grüner Uniform sitzt hinter einer dicken Glaswand. Das kleine Guckloch zum Sprechen durchschneidet sein Gesicht. Er schaut auf den Monitor, dann ins aufgeschlagene Schreibbuch vor ihm.

DER BEAMTE:
Ja?

JENNY (beugt sich zum Guckloch):
Zum Strafgefangenen Richter bitte.

DER BEAMTE:
Ausweis bitte.

DER BEAMTE unterstreicht mit Filzstift und Lineal im Schreibbuch einen Namen und holt aus der Schublade neben sich eine Chipkarte und einen Schlüssel.

DER BEAMTE:
Die Chipkarte brauchen Sie für die ersten beiden Türen, der Schlüssel ist für die Garderobe. Bitte legen Sie alle Metallgegenstände ab, Geld nur für den Automaten.
Und gehen Sie dann durch die erste Tür.

JENNY hat einen roten Mantel an, schwarze Schuhe, schwarze Hose.

.
.
.



- 7 -

EIN PUPPENSPIEL NACH SARAH KANE (ZERBOMBT)
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Das Zimmer, ein Hotelzimmer, weiß-braun, nicht sehr teuer. Die PUPPE CATE (Marionette) weiße Haut, grüne Augen, wuschelige gelbe Haare. Der Schreibtisch aus Furnier neben das Fenster geschoben, davor ein brauner Holzstuhl, auf dem sitzt die PUPPE CATE, vornübergebeugt, in ihrer Hand hält sie einen Revolver.

PUPPE CATE:  Man darf sich nicht töten.

PUPPE IAN (aus der Tiefe des Zimmers):
  Doch.

PUPPE CATE (schaut hoch):
  Gott würde das nicht gefallen.

An der Wand mit der Eingangstür ein Doppelbett mit Baldachin. Auf der ergrauten Bettwäsche zerknittert die Tagesdecke in einem dreckigen Gold sitzt die PUPPE IAN. Die Augen verbunden lehnt er an der Wand, schwarze kurze glänzende Haare, ein sportlicher Körperbau, dennoch in schlaffer Körperhaltung. Eine schwarze Stoffhose, Oberkörper frei (Puppenstoff).

PUPPE IAN:   Es gibt keinen.

PUPPE CATE spielt mit der Waffe, sie untersucht sie.

PUPPE CATE:  Woher willst du das wissen?

PUPPE IAN rührt sich nicht.

PUPPE IAN:  Kein Gott. Kein Weihnachtsmann…

Sie geht langsam auf ihn zu, zielt mit der Waffe zwischen seine Augen, zittert.

PUPPE IAN weiter: Keine Elfen. Kein Zauberland
  Kein scheiss gar nichts.

PUPPE CATE ist nah vor ihm, Der Revolver auf seiner Stirn, seinem Nasenrücken, seinem Mund, seinem Kinn. Ihr Mund stoppt vor seinem.

PUPPE IAN reagiert auf die Nähe; bewegt langsam den Kopf.
PUPPE CATE setzt sich zu ihm aufs Bett. PUPPE IAN ganz ruhig.

PUPPE CATE:  Muss doch irgendwas geben.

Die Fäden lassen die Arme der PUPPE CATE sinken. JENNY oberhalb der Bühnenwand schaut auf ihren Mitspieler. BASTIAN dreht mit zwei Fingern geschickt den Kopf der PUPPE IAN.

PUPPE IAN:   Warum?

JENNY, zu BASTIAN gewandt:
  Hat sonst keinen Sinn.

IAN:   Gib mir die Pistole.

CATE:  Was hast du vor?

IAN:   Ich werd dir nicht weh tun.

CATE:  Ich weiss.

IAN:  Ein Ende machen. Es muss sein, Cate, ich bin krank.
 Werd`s nur ein bischen beschleunigen.

JENNY schmeißt hin:
Ach, das ist alles so ein Hirngewichse!

BASTIAN lässt die Puppe eleganter sinken.

JENNY:
Ich ich spüre nichts.



- 8 -

DAS ERSTE TREFFEN
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Im Schwarz:

Das Telefon klingelt.

Aufblende:
JENNY steht vor dem lichterumhängten Einkaufszentrum.
Es regnet und sie hat keinen Schirm.

JENNY:  Wo bist du denn?
   (PAUSE)
  Ich auch.
   (PAUSE)
  Grade erst. Ich weiss. Zu spät. Tut mir leid.
   (PAUSE)
  Wo?
  Ja, ich bleib hier stehen.
  Bis gleich.

JENNY legt auf und schaut sich um.
Leute rennen unerkannt über die Strasse mit Einkaufstüten. Jemand schaut auf die  Uhr, ein Kind schaut JENNY an, die Mutter zieht es weiter. Ein Herr in grauem  wüsten Haar spielt auf der Trompete ein Soldatenlied (“Der kleine Trompeter”)
und erwidert ihren Blick.
Die Strassenbahn quietscht.

PAUL:   Tach Grosse!

PAUL steht ein paar Zentimeter vor ihr. Er pitschnass. Sie umarmen sich hölzern.


JENNY und PAUL gehen über die Strasse.
Sie fassen sich an den Händen.
Sie gehen unter der Hochbahn lang.

JENNY:   Sorry, ich war zu spät.

PAUL:   Mann, ey, ich hab Sabine angerufen, dachte, du meldest dich bei     ihr.

JENNY:  Hab ich ja.
PAUL:   Na, egal jetzt, ooh, ich hasse spazieren gehen – weißte doch.

JENNY:  Ist nicht mehr weit.

Schweigen.

BEIDE:  Und? Wie geht`s D… LACHEN

PAUL:   Spielste immer noch mit Puppen?

JENNY schweigt.

PAUL:   Biste also wieder in Berlin?

JENNY:  Du auch.



- 9 -

ANJA PFLEGT EINE ALTE FRAU
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DIE ALTE FRAU jammert. Weißes Haar, das Kreuz gebogen.

DIE ALTE FRAU:   Hach, hach, hach.

ANJA schaut sie an. Ihre Haut in weichen hellen Falten, die Augen klein.
ANJA steht vor ihr, hebt sie mit beiden Händen aus dem Sessel. Jede Bewegung ist für die ALTE FRAU eine Tortour. Alte Hände stützen sich auf junge Hände.

ANJA liebevoll:  Nu komm, Oma, bischen laufen schadet nicht. Du warst      heut noch gar nicht auf der Toilette.

ANJA geht mit der kleinen Frau durch die kleine Küche: Holztisch, Eckbank. Sie gehen ins Bad. ANJA setzt die FRAU auf das höhergestellte Klo, die FRAU hält sich am Haltegriff fest. ANJA lehnt die Tür an.

In der Küche das alte Waschbecken, der Abwaschtisch unter dem Fenster, welches den Blick freigibt auf den Hof.

Im Bad:

ANJA:    Siehste, wurde aber höchste Zeit. Fein.
   Kichern.
   Sportlich. Sportlich.

DIE ALTE FRAU sitzt im Sessel. ANJA vor ihr gibt ihr zu trinken aus der Teetasse, einen Keks hinterher. Sie setzt sich auf die andere Seite des Couchtisches. Beide schauen fern.



- 10 -

ANJA AM CAFÈTISCH. ES KOMMT BESUCH
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IM AQUARIUM ziehen Fische vorbei. zwei Fische gelb, mit grünen Streifen. Das Wasser scheint grün, die Lüftung ist zu hören.
ANJAS VATER sitzt im Sessel, liest ein Anzeigenblatt. Er hat einen dicken Schnauzer. Neben ihm ein länglicher Couchtisch, die Tischdecke weiss. DAHINTER auf der Couch sitzt ein JUNGER MANN. Er zappt mit der Fernbedienung. Weiße Teller, zwei Tassen klirren auf den Tisch.

KÜCHE:

DIE MUTTER holt erneut Geschirr aus dem Schrank, als ANJA die Küche betritt. Sie nimmt den Kuchenteller.

ANJA:    Wer kommt denn noch alles?

Sie geht in die Stube, bleibt auf der Schwelle stehen.

ANJA:    Was soll das?

DER VATER liest in der Zeitung.

DER JUNGE MANN: Tach.

ANJA setzt sich langsam auch auf die Couch.

DIE MUTTER kommt hinzu:
   Wie schön, dass wir mal wieder alle zusammen sind.


- 11 -

DER TRAUM DER ÜBERGROßEN MICHELINMÄNNCHEN
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- Bosch

- große dicke Bäuche über dem Kopf

- Die Stimme aus dem Einkaufszentrum


DIE BÄUCHE drängen sich nah an sie – nackt – sie kann sich nicht bewegen, wird eingequetscht, von hinten auch ein dicker nackter Bauch. SIE ist viel kleiner als die Bäuche, ein Kind, ein Baby fast, so groß wie ein dreijähriges Mädchen, gegen das sich erwachsene Bäuche drängen. Sie trägt ein Unterhemd und Slip nur, die Haare zu zwei zausigen Zöpfen gebunden.

DIE nackten Körper schweben um sie herum, gehen wieder weg, um dann noch näher wieder aufzutauchen.
Sie dreht sich langsam, doch dort sind noch mehr dieser Körper, entfernt sieht sie auch die Beine, die den Bauch tragen, fest ein Schritt, ein Sprung. Die Körper verschwinden, eine Tür schließt sich. SIE wacht auf im Gitterbett.

Immer wenn sie die Augen schließt, träumt sie diese Bilder – das wird jahrelang so gehen.

Plansequenz
Bildbeschreibung



- 12 -

SZENE VOR DEM FERNSEHTURM
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BASTIAN, JENNY und ihr VATER sitzen vorne im Pick up. Sie fahren zum Wohnzimmer von Anja`s Eltern. Anja erhebt sich gerade von der Couch und will gehen.
Sie kommt vor die Türe, da steht der Pick up. Jenny bedeutet ihr, hinten aufzusteigen. Sie rennt wieder rein, holt ihren Ex-Freund. Die Eltern und Anja`s Ex folgen.
Der Wagen fährt weiter. Die zwei Kinder aus dem Sandkasten rennen hinterher. ANJA zeigt auf eine Frau am Straßenrand. Es ist die Frau von Jenny`s Vater. Anja senkt den Blick auf den Pick up.

Am Fernsehturm spielen die Puppen als der Wagen hält

Unterlegt ist die Szene mit Musik von Hanns Eisler.



- 13 -

SIE:  Ich gehe
Weg von diesem intimen Thema.

Abstand
ein Tierfilm


Reh Rehbock das Kitz

Reh bekommt das Kitz
Rehbock geht nach 3 Monaten.
Kitz will mit.
Rehbock flieht. Kitz hinterher
Reh schweigt
Kitz allein in der Nacht.
Angst, Kälte, der Bär
Kitz durchstöbert die Wälder
lernt jagen, sich zu verstecken und
sich behaupten
sucht weiter nach dem Vater
freundet sich an mit dem Fuchs
findet den Vater, ist mittlerweile erwachsen
Vater will es schwängern, erkennt es nicht
Reh flieht, allein in den Wäldern
unvorsichtig
der Jäger erschießt es

VATERTAG
eine Idee von Josseline E. Rücker



- 14 -

Reh Rehbock das Kitz

Reh bekommt das Kitz
Rehbock geht nach drei Monaten
Kitz will mit.
Rehbock flieht. Kitz hinterher.
Reh schweigt.
Kitz allein in der Nacht.
Angst, Kälte, der Bär wird neugieriger Beobachter,
Beschützer dann, sucht die Freundschaft zum Kitz.
Kitz durchstöbert die Wälder
lernt Jagen vom Fuchs,
der Hase zeigt ihm, sich zu verstecken.
Der Wolf lernt ihm die Würde.
Das Kitz sucht weiter nach seinem Vater,
freundet sich an mit dem Fuchs.
Das Kitz findet den Vater, ist erwachsen mittlerweilen.
Der Vater will es schwängern, erkennt es nicht.
Das Reh flieht, allein in den Wäldern
ist unvorsichtig
der Jäger erschießt es.

VATERTAG
eine Idee von Josseline E. Rücker       04 / 04



- 15 -

GROßMUTTER
_____________

ich suche trost
wer spendet den?
der baum spendet schatten
da ist seine natur
-
niemand ist hier
allein zum trösten
ich geh und
such den trost
dort wo er geboren wird
in der musik
-
der pianist spendet trost
der violist
die flötistin
es ist harte arbeit und jede schwere
passage ein glückseeligmachender erfolg
doch frag ich sie – sagen sie:
brahms spendet trost und beethoven
nicht sie selbst
-
könnten ich brahms fragen und Beethoven –
sie wurden sagen:
nicht sie spenden trost sondern die noten
sind es
-
ich suche trost
dass ich (meine omi) dich trösten kann


Großmutter -   sei tapfer Kindchen
  tapfer sei
  dann bleibst du auch
  nicht lang allein
  ob du willst was dir
  geschieht
  das frage dich
  der liebe Herrgott hilft nur dem
  der aufrecht ist

Enkelin -   und den Sündern, den Strauchelnden
  den Zweiflern, denen hilft er nicht?

Großmutter –   Dafür – für die hat er die Höll g´schaffn.

Enkelin -   So ist der Teufel ein Gotteskind also?
  Also ein von Gott gesandtes?


- 16 –

An der Jannowitzbrücke
____________________

Fischer:   Mir reichts. Feierabend für heute.

- :   Aber Sie haben doch gar nichts gefangen?

Fischer:   Sie beißen nicht.

- :   Aber was essen Sie denn jetzt zum Mittag?

Fischer lacht:   Meine Frau kocht was.

-  :   Aah, und das geht auch ohne Fisch?

Fischer:   Ich mach das zum Spaß. Wissen Sie, ich habe keine Arbeit.
  Gestern. Gestern hätten Sie kommen sollen.
  Da haben sie gebissen. Sechs Stück, so groß.

-  :  Schmecken die denn so aus der Spree?

Fischer:   Mh. Waschen, salzen, dass sie saftig werden,
  dann in Mehl und gebraten mit Bier. Das ist köstlich.
  Jetzt. Da ist einer. Sehen Sie? Unten. Direkt an der Wand.

- :  Der ist gar nicht so klein.

Fischer:   Ein Kilo.



- 17 -

ICH SEHE WAS WAS DU NICHT SIEHST
____________________________________

Mutter und Tochter in der S-Bahn

Tochter:   Ich sehe was, was du nicht siehst –

Die Mutter schaut dorthin, wo die Tochter sucht.

Tochter:   - und das ist gelb.

---

Tochter:   Ich sehe was, was du nicht siehst
  und das ist grau.

Ich denke an einen Streit mit einem guten Freund –
Ich sehe was, was du nicht siehst und das
ist Angst.

Ich sehe was, was du nicht siehst
und das ist Kapitulation.

Der Junge nebenan singt ein Kinderlied:
Mit Lachgummi, mit Lachgummi macht das
Leben Spaß.
Das ist kein Kinderlied,
das ist aus einem Werbeslogan.

Mutter sagt, ich bin zu empfindlich –
vielleicht sind die anderen schon kalt.

Ich sehe nicht, was du siehst –

WARUM FAHREN EIGENTLICH DIE BUSSE AB, BEVOR DIE S-BAHN ANKOMMT?



- 18 -
NUR EIN BISCHEN
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Es ist falsch was wir tun
Immer weiter und wir wissen es
Ich liebe dich nicht.
Ich nutze deine Gefühle aus.
Ich kann mir nicht vorstellen, mit dir zusammen zu sein.
Wir lassen uns hinreissen von Bedrohung und Lust.
Es gibt Wichtigeres für uns beide.
Du bist wertvoll und darfst so nicht behandelt werden.
Es geht nicht, dass wir uns ein bischen sehen.



- 19 -

HEILIGE JOHANNA DER SCHLACHTHÖFE IM DEUTSCHEN THEATER
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1. Szene  der Brecht ist immer schon an der Wurzel
 ohne darüber zu philosophieren, was denn
 nu die Wurzel ist.

beginnt mit Lennox, Mauler

Das Theater ignoriert sie – die Zeichen seiner Zeit.
Die Arbeiter schreien nach hinten als fürchteten sie sich vor dem Publikum.
Dem Mauler wird`s übel, wenn er es sieht.

Ich resigniere, senke den Kopf und höre auf die Worte Brechts.

Der Blick geht nun weg von der Bühne durch
die Gitter hindurch auf das Publikum.
Das Publikum eingepfercht ins Theater –
das Theater selbst das Gefängnis –
ich sollte mich hinunterstürzen vom Rang,
weil die Johanna nicht wirklich stirbt –
weil nur der Zuschauer sterben kann, um
diesem Zirkus zu entfliehen.
Wenn Johanna mit dem Monolog beginnt
OHNE den Rahmen von Mauler und Cridle –
dann sollten wir das Theater verlassen.

Was sind das für Zeiten, in denen selbst Brecht beschnitten wird,
damit die Leute lachen.

             2004



- 20 -

ZITAT
______

Ich wollte etwas schreiben
aber ich habe etwas ganz anderes geschrieben.
Das merke ich jetzt, wenn ich daran denke – an meine Intention.

Ich wohnte in Pankow und in Pankow gab`s keinen 17. Juni.

Das ist ein Bild und keine Erklärung.

      Th. Heise in Wismar


Erst durch das Zerschlagen eines Denkmals beginnt das Leben darin freizuwerden.

Die Trilogie der ungebrochenen Herzen

Das Feld brennt  Mühle  Das vorläufige Leben des
     Grafen Kiedorf

Ackermann  Brinkmann Lutz Wiesotzki
Videowerkstatt

Hab ein Tier im Arm.
Wismar.

- 21 -

HEILIGE JOHANNA
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Brecht entlarvt in erster Linie die Strategien des Kapitalismus`
im Einzelnen. Der ist die Hauptfigur.
Die Zeitungsjungen (er weist sie extra an zur Verstärkung der Aktionen Maulers) geben dabei auch das Instrument an – die Medien, mit dem sie funktionalisiert werden.
Johanna ist genauso ein Instrument. Sie steht für die Funktionalisierung der Kirche und dass ihre menschlichen Reden nichts nützen, sogar mißbraucht werden, wenn sie auf dem falschen Dampfer geschrien werden.

Und Brecht entlarvt auch die Gottgläubigkeit als ein Vehikel der Verschönerung der Macht.
Tatsache ist, dass der Mensch einen Glauben braucht. Und gelingt der nicht an sich selbst, glaubt er einem anderen.

Das, was das BE da vorstellt, entlarvt das Theater ebenso als Instrument der Macht. Wenn Dummheit herrscht auf der Bühne und Vereinzelung.
Brecht wirft das Licht auf die Armen, die zeigen auf den Mauler und rufen – Das ist der Schuldige – Da wirds übel – ein Lehrstück.

Peymann erhellt in diesem Moment den Publikumssaal. Die Leute lachen. Niemand ruft – Das ist der Schuldige –
Es ist eine Farce und Peymann wie die Armen zum Zahnrad mutiert,
das das Getriebe Kapitalismus in Gang hält.

Die Szene, die fehlt im Stück

wenn Johanna auf der einen Seite sitzt bei den Arbeitern und
die Strohhüte kommen herein und wollen bekehren.
Da sieht die Johanna, dass das nutzlos ist –
und die Luckerniddle schimpft, weil sie jetzt hier sitzen muß
und weil ihr Mann nicht mehr da ist.

S. 738  Gloomb: (macht die Geste des Geld zählens):
 Können Sie den Topf noch halten, Frau Swingum?

 Johanna: Gibt es hier nicht Leute, die was unternehmen?

 Der Arbeiter:  Ja, die Kommunisten.

 Johanna; Sind das nicht die Leute, die zu Verbrechen auffordern?

 Der Arbeiter:  Nein.

 Stille.

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Was auch fehlt bei Peymann: Der Aufruf zur Solidarität:

S. 740:  Auf Plakaten steht: “Übt Solidarität mit den Ausgesperrten der     Schlachthöfe! Auf zum Generalstreik”

Es kommt keiner mehr von der Zensur, das Schlimme ist, die Zensur ist eingeimpft. Oder warum sonst nimmt der Peymann nicht den Brecht und erklärt mit ihm gar nicht weit entfernte Dinge wie die Arbeitslosigkeit, den Werteverfall, das trügerische Spiel mit der Hoffnung?




- 22-

IM GEFECHT
____________

“ denn ich nahm einen Major vom Gegner vor seinen Truppen weg, und als ihm eines von den Seinigen zu retten dachte und zu diesem Zweck eine Pistole gegen meinen Kopf abschoss, so dass Hut und Federn davonstoben, bezahlte ich ihn derartig mit dem Säbel, dass er noch etliche Schritte ohne Kopf neben mir weiterritt, was wunderlich und abscheulich anzusehen war.”

      Grimmelshausen
      Die Landstreicherin Courage, S. 30

Och Gott, Grimmelshausen, du bist so fleischig und blutig, dass ich alle drei Seiten eine Pause machen muß, um mich von der Menschenschlacht zu erholen, Erzählt in der “ich”-Perspektive mit Abstand und Selbstzweifel, dass es vorbildlicher nicht sein kann.



- 23 -

MÄNNER AUS “EASWALDE”
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Blau: Die is mir doch weggerannt.

Rot:  Na, wart schlimm? – ick meine, haste wat an der jemagt, jemögt oder wie dit  heißt?  (lacht)

Blau:  Na.

Rot:  Ick meine, irgendwat, watte jetz vermisst?

Blau:  Ick sach ma so. Ick hab jeden Tach Milchreis jejessen
Und die hat sich nie beschwert. Dit mein ick.

Rot:  Naja.

Blau:  Wirklich, jeden Tag, n halbet Jahr lang, jeden Tach. Und die hat mir den jeden  Tach hinjestellt und hat nie wat jesagt dazu.

Rot:  Na ist doch lecker. Milchreis schön mit Kirschsirup.

.
.
.

Rot:  Na mir brauch keene kommen – Blond, braun, schwarz oder.
Ick hab meine Frau und damit basta.

.. Die is nicht dick, oder? Findste die dick, da muss doch wat dran sein,
da will ick doch wat anfassen hier und hier.
Die is nich dick und wenn eener wat anderet sagt, kriegt der eens inne Fresse.

(Vorher: In Keuzberg steig ick nich aus.)

Der Zug hält in Hohenschönhausen.

Rot:  Na, hier ist doch och schön zu wohnen, wa?
Dicker, hier ne WG? Da hörste immer in den Nachrichten von  Hohenschönhausen: Handtaschenraub! Da den kick: Dit war bestimmt Ecki, aber  der sitzt denn bei mir!  (lacht).




- 24 -

Nach dem Zusammenriss
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an B.:  Nichts ist gut. Alles nur Bluff. Ich weiß nicht, wo ich hingehöre. Das ist die  Wahrheit.
Alles virtuell.
Einen echten Kuß hätte ich gern mal wieder – einen, der nicht weh tut.


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LIEBER BUCK
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Ich wende mich mal wieder an dich, weil ich unbedingt deinen Rat brauche.
Mein neuer Film “Wilhelm der Schäfer” passt in so gar keine Nische.

Wilhelm Ziegler war Schäfer in Brandenburg. Er war das mit Leib und Seele, seine Frau war die Schäferin, sein Sohn trat in seine Fußstapfen.
Wilhelm bildete Lehrlinge aus, immer mit der Energie, dass das Handwerk nicht aussterben darf.
Nach der Wende waren die Schafe nicht mehr gut genug für den Weltmarkt – sie wurden geschlachtet und nach Russland verschickt.

Wilhelm blieb im Schafzuchtverband, kümmerte sich um die Deichpflege in seinem Wohnort, vermittelte Lehrlinge und schlachtete selbst Schafe und Schweine.

Wilhelm wollte mir helfen, im Film das Berufsbild zu skizzieren, das sein Leben war.

Seine Frau Karin, die Schäferin, wurde oftmals bewundert im Ort, sie sei doch immer an der frischen Luft, immer in Bewegung:
“Ja, bei Wind und Wetter, auch wenn sonst niemand mehr auf die Straße ging, wenn er nicht mußte.”

Wilhelm`s Frau sagte auch, daß ihr Mann niemals nein sagen konnte.
Er starb mit 60 Jahren an Herzversagen.
Da war noch kein Meter gedreht.
Ich machte mich auf den Weg, fuhr an die Orte, die er mit Geschichte bereits belegt hatte. Ich traf den Schäfer, dessen Herde er für die stolzeste der Region hielt.




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AM SEE
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War heute am See. Ich danke der Natur für diesen See. Er ist ein heiliger Ort. Ich kann ihn ganz für mich haben. Ich dachte nur, warum ist niemand hier an diesem Ort und ärgerte mich gleichzeitig, daß ich nicht schätze, daß das einem Wunder gleicht. Und wenn es nur einen Menschen gäbe, der hier wäre – vom Fleck weg wüßte ich, wir hätten eine Gemeinsamkeit!

Beim Abtrocknen hörte ich ein Quietschen ganz gleichmäßig
- Quäk   Quääk    Quääk
Ich schaue auf den stillen glitzernden See und von rechts schiebt sich langsam eine Bootsspitze in mein Blickfeld.

- Quääk  Quääk  machte das Ruder.

Ich schaue, in mein Badetuch gehüllt auf: “Matze?”
Er guckt in das dunkle Grün hinterm Steg: “Jossi?”

Mann, daß der so gut aussieht! Matze hat die Gaststätte am See. Ich geh da gerne hin zum Billardspielen, weil der so gut aussieht.
Dumm, dass er immer trinkt.

“Du warst doch nicht etwa drin?” guckte er ungläubig (das bildete ich mir ein, schließlich hatte ich keine Brille auf und überhaupt war er weit weg).

Ich sagte: “Na klar, ich fahr jetzt nach Berlin. Das hier war der schönste Teil des Tages. – Und du?”

“Na angeln.”
“Was fängste denn hier?”
“Na Hecht.”
“Zum Mittag?”
“Wird wohl nicht reichen.”

Wieviele Hechte braucht er denn zum Mittag?
Ich überlege, ob ich nicht nochmal reinspringe. Dazu müßte ich mich umziehen, was mich ca. zehn Sekunden entblößt zeigen würde oder eine Superperformance mit dem Strandlaken ohne Blöße.

“Na denn!” sagte ich.
“Machs gut.”

Auf dem Rückweg mit dem Fahrrad sticht mich ein unbekanntes Flugobjekt mit voller Wucht in den Bauch. Ich schreie vor Schreck und dann vor Schmerz. Niemand ist in der Nähe. Ich überlege, ob ich jetzt schwanger werde. Das ist sicher der einzige Weg für mich, schwanger zu werden.

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Es ist schlimm mit Dosto (jewski). Ich lese die ganze Zeit ohne aufzuhören an mich selbst zu denken.
Hab von Thorsten geträumt letzte Nacht.
Dass er mich zu sich holte, nur um mir die ganze Zeit zu zeigen, wieviele Mädchen und Frauen er zur Zeit hat. Es war seine Geburtstagsparty und er lud sie alle ein. Sie waren blond, sehr weiblich, manche ein bischen specking – und er war voller Jähzorn – am liebsten hätte er mir die Frauen der ganzen Welt vorgestellt.




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HIOB SAID IT
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Flaherty sagt erst: Schaut her, diesen Film hab ich gemacht.
Erst dann weist er auf die Problematik hin,
benutzt die Bilder für seine – zum Glück – menschliche Meinung.

Der Mann fällt den Baum.
Frau sieht zu mit dem Kind auf dem Arm – und das ist wichtig,
dass sie zusieht und das Kind auf dem Arm.
Dass der Mann das tut – es ergibt einen Sinn dadurch –
die Frau allein tut ja augenscheinlich nichts – aber sie gibt dem
Tun des Mannes den bestmöglichen Sinn.
Heute arbeitet die Frau selbst. Und der Mann arbeitet selbst.
Und niemanden interessiert es.

(Männer von Aran)





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PRELUDE TO WAR
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Prelude to war       Frank Capra
Two worlds  w.o. freedom   w.o. slave
  Japan, Deutschland, Italien  Hitler
       Mussolini
- Japan

two worlds – ein heller, ein dunkler  / Ironie im Auftrag

Trick: Durch die Karte brennt sich das Echtbild
- schwarze Zonen “fließen” über den Globus

Film mit “echten” Blenden

Dosto (jewski):  er ist die ganze Zeit sich seiner Verzückung selbst bewußt.
  Er liebt niemanden, nicht mal Raskolnikow. Er führt sie vor –
  er ist der Mörder.
  Das Mitleid mit dem kleinen Fuße des Jungen.
  Der Hinweis auf die Genugtuung des Leides eines anderen.


Meine Gefühle zu dir, B., sind sehr roh und ungeschützt.
Taucht ein junges Mädchen auf, klopft mein Herz bis zum Hals.
Egal, ob du sie entdeckst oder nicht. Schlimm ist, wenn du sie sogar kennst. Und auch nur in deiner Nähe bin ich ständig darauf bemüht, dass mich die Männer anschauen, und das tun sie auch in deiner Nähe. Das ist alles nicht gesund, ich weiß nicht, wo das herkommt und will diese Spur nicht weiter. Es ist ungesund.

Schön: Die Absätze, die er (Dosto) schafft. Etwas Neues beginnt, das Kapitel ist zu Ende. Das Neue beginnt in der gleichen Minute.
Er ist grausam gegen alle – gegen seine Figuren – gegen sein Publikum, das sich wiedererkennt. Ich bin das auch, nur: Was hat er davon?





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23. JULI
________

Heute war ich den ganzen Tag alleine.
Ich habe mit niemandem gesprochen.
Und doch waren in meinem Kopf viele viele Menschen.
Mit N. habe ich gekämpft am Schneidetisch. Niemand kann es mir recht machen.
Weil ich nicht weiß, was ich will.

Den ganzen Tag an der Slubice Geschichte gearbeitet, und immer ist sie noch nicht gut.

Mit B. geredet. Wenn ich weiß, dass er weg ist, fehlt er mir noch mehr.
Das alles will ich gar nicht mehr wissen.

Heute ist ein Kind überfahren worden. Am Park an der Bahnhofstraße. Als die Feuerwehrleute in Uniform es hochhoben, hingen die Gliedmaßen ganz schlaff, seitlich, wie ein totes warmes Reh.

Ich habe W. gedrückt. Sie hielt mich lange im Arm.




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ANDREAS SCHELLENBERG
_________________________

        Edith 175 Stunden
schwarzfilm

“Deerhunter”   Robert de Niro   Musik
             Stanley Meier
   Michael Cimino  Vilmos Zsigmond

Aufblende
Industrie
Blau
- unterdreht -
Nacht
  Menschen bei der Arbeit  / erzählen, in dem du
         den Mund hältst

Charakter, wie sie etwas machen
alle Parteien einzeln
saubere Sachen in den Dreck

Meryl Streep, die Russin für die Amis

jeder hat seine Rolle

blaue Industrie
warme Innenräume

Zsigmond: helle Flächen, aber nicht im Gesicht

Im Bungalow

Wichtigkeiten durch Größe
Kirchenszene  Musik

Menschen, die etwas Besonderes machen


Buddies
Freundinnen
Musik
Chor

Zeremonie
Kirche
ruhige Bilder

de Niro
spürt die Kamera – dokumentarisch

Flirts beim Tanzen
Tanz innen   “Emigranten”

- “den Mann holn wir hier raus”

Dramaturgie:

Krieg wie Bruchstück  Traumata  Täter böse
      Opfer gut


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MAGNIFICANT AMBERSON
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Off Text

_________________________

Hochzeit auch privat    Wo sind die privaten Momente

Frank Capra
It`s a wonderfull life   USA 1947
     Dimitri Tiomkin

produced and directed

Kälte aussen  Gebet innen
Hoffnung
Sternenhimmel
_____________________________

Lost Horizon     Musical Dimitri Tiomkin
Baskul 1935


Lieber B.
Wenn ich deine Stimme höre, denke ich, ich kann das alles schaffen.
Ich brauch dich nicht am Schneidetisch, das muß ich schon allein entscheiden. Es ist etwas anderes, was du mit mir tust – etwas fern von Jobs und allem.
Und vielleicht sollte ich mir etwas suchen – eine Aufgabe, die ich allein bewältige.
Nur, dann verliert sich die Großartigkeit, die entsteht, auf der Brücke zu Dir.
Es ist dann alles gar nicht mehr so schlimm, wenn ich in München auf einer Fensterbank sitze, wenn ich dir nur alles erzählen kann und du lachst und es ärgert mich.
Sicher bin ich nicht so wertvoll für dich – das ist eher selten, dass die Wichtigkeiten ähnlich sind – ich hab dich betrogen, verraten. Du wirst es nie verzeihen.
Und doch gibt es diese Art, die Dir gegeben, die mich beruhigt, den Kopf wieder klarrückt und ich kehre zurück, an die Front, mit dem Auftrag im Hirn.
Und ich weiß, ich könnte niemals so klar formulieren, das Gebilde taugt erst in der Abbildung.
Ich bin schon weit, und für dich bin ich nicht weit genug und die Frage bleibt, wer ist es, der an deine Seite kann.


Colorcorrection
Spirit  Speedy  vier Rollen.

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TAPE 1 TÜTER TÜTER
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Tape 1  Tüter  Tüter
        A  A
1. Akt  2. Akt

Tape 2
        B  B    Hans Henkes

Video Effekt  aus
     / Jalousie anlagen
x Stop on Drop Frames

F4 add edit
Quickt
 Ctrl

Kla

Clip Expert  Render  T

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Man sollte alles der Reihe nach lesen

________________________________________________________________________

Ich habe das Gefühl, in dem Moment, in dem ich etwas konkretisier`, verliere ich es.
“Es” lebt von der Suche im Wüsten,
vom Genialen im Unrat – es braucht dieses Geplänkel um sich herum.

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BEATRICE
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1. Einstellung  Black rauf

magenta raus in den hellen     Lange Hund (Saturation)
       mag. nach langer           Hundeeinstellung

violetter Blitzer
Schafe dunkler, angleichen
Fahrten Blitzer      10: 08: 43 Weißblitzer

Wehrmühle rot in weiß, dunkler

Ruine Video, Farbe raus
Spindel dunkler, wärmer
schwarz raus

Close up dunkler

Schafe nach Spindel etwas dunkel
im Wald zu magenta, zu hell

letzten Schafe magenta im schwarz

Scheune zu hell

Farbe mehr wie Pferde Mitte

Fusseln wegdrücken

Überbelichtete ok

Weißbild nach Blende

Fahrten nach Himmel dunkler
Bäume am Ende zu?

Magenta Flash vor Nahe Grab

letztes Rot mit Feldrot anpassen

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DER SCHATZ
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Erst Schmerzen in der rechten Leiste. Dort wo die Galle saß.
Dann kam keine Luft mehr. Die Lunge strengte sich an, aber das Loch war nicht größer als eine Nadel.
Der Wunsch, auszuhalten bis die Luft wiederkommt. Dass C. sich nicht beunruhigt, dass ich mich nicht beunruhige.
Tränen liefen. Das Atmen wurde hörbar.
Ich war nicht zu halten.
Das ist alles eingebildet. Ich bin sicher, würde man die Organe untersuchen, es wäre alles ok.
C. fragt, ob ich das Gefühl habe, zu sterben.
Ich lache, aber mir ist nicht danach.
Was ist das für ein Gefühl zu sterben? Ich wäre sicher gestorben ohne das Gefühl vom Sterben zu haben. Und ich überlebe tausend Dinge, mit dem Gefühl zu sterben.
Heute vor der Arbeit wollte ich dir sagen, dass es mir leid tut, dass wir uns streiten. Das sind sicher sexuelle Energien, die sich entladen – das vergeht wieder – es ist ein Spiel.
Dann rutsche ich in deine Arme. Du warst so tapfer!
Es ist schön in deinen Armen.
Du hast gesagt, als ich dann hingerutscht sei, da ging es dann besser mit dem Atmen. Ich blieb in deinen Armen, wir haben alles geschafft! Schatz würde ich dich nennen, ich habe dich entdeckt wie unter sieben Meeren, “Schatz” ist so belagert, spricht man es aus.
Über Schätze redet man nicht – es ist eher ein Juwel, der thront im sicheren Dunkel einer schön geschliffenen Holzkiste – man trägt das Wissen um ihn im Herzen.

         cokrobuщe



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AUF DEM WEG ZU DEN KOPIEN
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“Das Kleid steht ihnen wirklich gut.”
“Oh. Das ist sehr nett, dass Sie das sagen.”
“Ich dachte, ich sag mal, was ich denke.”
“Sie sollten immer sagen, was Sie denken.”

Ich biege ab, zupfe am Kleid. Nach ziemlich langer Zeit
drehe ich mich um. Der Mann sah gut aus. Ziemlich.
Er bleibt stehen an der Ecke.

_______________________________________________________________________

- Depardon, Raymond VIDEO
Reporter

Contacts
________________________________________________________________________

Simplicissimus CI 1079b



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BACH IST DIE VORBEREITUNG AUF EINE NOTE
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1. August 2004

Der Mond fällt auf die Erde
Die Sonne sieht die ganze Welt an einem Tag –
Die ganze Welt an einem Tag
immer und immer wieder.
Mit jedem Tag entdeckt sie ein Stück mehr.
Sie ändert nichts an ihrer Arbeit,
sie arbeitet jeden Tag das Gleiche.
Die Menschen, Tiere, Pflanzen verlassen sich auf sie –

Das Aufgehen des Mondes geht ganz schnell –
dann läßt er sich Zeit.
Ich bilde ihn ab.
Auf die Linse reflektiert das Licht, das er reflektiert.
Der Film ist empfindlich auf Licht.
Es trennt sich das Silber vom Chlorid.
Chloride sammeln sich in der 7. Hauptgruppe. Sie sind
schwer löslich.
Silber und Chlorid sind jetzt eigenständig.
Das eine erfüllt seine Funktion, das andere wird ausgespült.



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14. 8.
Schleppe eine Sackkarre mit High 8 und Stativ durch Bus und Bahn. Motivsuche für Katja`s Film in Biesenthal. Ich glaube, ich bin doch eine Filmemacherin. Du solltest mich sehen, ganz allein im Bus nach Biesenthal mit Kleid und Hackenschuhen und Sackkarre und der Busfahrer blickt in den Rückspiegel. Ein jungscher Kerl mit Ohrring und Ponny und langen Haaren. Und die Augenbrauen zieht er bis zur Nasenwurzel.

Das Feld war nicht bestellt. Wild wuchs alles, was vergessen wurde in den letzten Jahren. Disteln breiteten sich aus, mannshoch.
Breit und aggressiv verteidigen sie ihren Platz bis zum letzten Stachel. Der Wind setzt den Kornblumen zu. In Kurven und unzähligen Auswüchsen fand der Stengel erst zur tiefblauen Blüte.
Und das war kein Einzelfall. Ganz ähnlich erging es der Kornblume nebenan, doch war sie zu weit weg, um ihrer Art zu helfen.
Ihr Stengel – ebenso vom Wind verbogen, ihre Blüte ebenso unproportioniert.



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ALS
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Als im Film die Revolution Gegenstand der Darstellung
wurde, löste sie in der Filmkunst selbst eine Revolution aus.
        S. 12
        A. Karaganow in
        einem Vorwort zu
        A. Pudowkin


HEGEL
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Im Epos lebt – nach Hegel  die Totalität der Welt, in der sich eine individuelle Handlung vollzieht,
und die Objektivität eines epischen Charakters resultiert aus der “Totalität seiner Züge”.
Ein epischer Charakter vermag in sich Elemente zu vereinen, die
in der Gesellschaft als Ganzem gewöhnlich nur verstreut vorkommen.

(Diese Einstellung widerruft sich nach “Chapajew”. Pudowkin lernt die Vassiliew-Brüder kennen.)

“Das Bekenntnis zum Ton war zugleich von Zweifeln genährt, ob der Ton nicht nur in asynchroner Verbindung zum Bild einsetzbar sei.”
        S. 15 ebd.


S.17
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Der Krieg, schrieb er (Pudowkin, Anm. d. V.), hat die Welt mit neuen Tatsachen von großer Tragweite angefüllt, und diese Fakten dringen in den Interessenkreis der Menschen ein.
So hat der Gedanke von der Abhängigkeit des persönlichen Lebens vom Leben des Landes und der Welt eine bisher nie gekannte Anschaulichkeit erhalten.

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LIEBE IRENE
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Das ist ein teils persönlicher, ein teils amtlicher Brief.
Ich weiß nicht so recht, an wen ich mich wenden soll, und selbst,
wenn du nicht konkret helfen kannst, vielleicht weißt du jemanden.
Aber ich bin mir sicher, dass du helfen kannst.
Es ist eine Art Lebensaufgabe, die vielen Visionen im Kopf,
die Umstände.
Zum Oktober läuft die Bewerbung für den Kulturhauptstadtfond.
Das Gremium verlangt eine detaillierte Angabe des Projektes, eine Kalkulation sowie die Bestätigung des Dreh – und Ausstellungsortes.
Ich hab mir jetzt eine Großbildkamera besorgt, möchte die Brandenburg Portraits vorstellen.

Auf Citylightgröße (Kinoplakat) erscheinen die Portraits. Auf der Tonspur ertönen die Originaltöne der Abgebildeten. Das, was sie beschäftigt, soll zu hören sein, ihre Sicht auf ihr Leben.

Die Deutschlehrerin Frau Viohl

Die Russisschlehrerin Frau Rohrmann

Vater und Sohn

Die Schwarzen im 96er Bus von Biesenthal nach Bernau

Der Schäfer Heinz Wuttke

Die Wollspinnerin

Ich fahre durch Orte auf der Suche nach Menschen, die ihre Worte aus Erfahrung speisen, aus Umständen und aus dem Versuch, sich selber treu zu bleiben.

DIE GROßFORMATIGEN BILDER hätten ihren besten Platz in der S-Bahn Unterführung am Potsdamer Platz.
Ich stelle mir vor, die Passanten, Touristen, Angestellte hetzen von der Bahn zum nächsten Ort und die Stimmen halten sie auf. Sie erinnern sich an sich selbst.
Die Fotos filme ich ab auf High8 Material und schneide einen Film – die Portraits, die Stimmen – der sich auf den Weg machen kann.

Ziel ist es, den falschen Werten auf die Spur zu kommen, den Glamourvorbildern, die üblicherweise in dieser Citylightgröße an diesem Ort hängen und ihre Wohlstandsprobleme vermarkten.

Und zum Anderen geht es darum, den Wert eines jeden einzelnen darzustellen, Mut zu geben, zu dem zu stehen, was und wer man ist.

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Eine Oper für 30ct.
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BIESENTHAL
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Biesenthal ist so ein starker Magnet, vor dem ich mich in acht nehmen muß. Weiß ich denn genau, wie nun alles wirklich ist?
Die Familie, die Herkunft sind so nah, daß ich Angst habe, einzig das zu tun, was meine Vorfahren auch schon taten –
das ich nicht mehr imstande bin, das zu tun, was meinen Fähigkeiten entspricht.

Was habe ich in Berlin?   Was habe ich in Biesenthal?

die Schule     Omi
das Kino     Haus mit Garten
C.      Tiere
S.      Wukensee
K.      Kumpels
N.
Filme machen     Filme machen
Übersetzen     Übersetzen

Was ich brauche:     Was ich brauche:

Viel Zeit zum Fahren    Auto
     Laptop



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DAS EINE IST DAS EINE
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Das eine ist das eine und
das andere ist das andere.

Das andere geht nicht ohne das eine.

Ohne “Westwärts” wäre “Wilhelm” nicht entstanden.
Es war die Unterdrückung des eigenen Ausdruckes
beständig und über lange Zeit.
Das Nichtverstandenwerden.
Das eine, das ich machen muß, damit das andere entsteht.




- 42 -

IN MÜNCHEN
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In München
ist es einfacher, nicht ich selbst zu sein.
Ich mag es und dass ich immer zu U. kommen kann,
egal was ist, ein unglaubliches Gefühl.



- 43 -

SONJA
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Jetzt hatte sie Zeit nachzudenken. Raskolnikow hatte ihr Leben verändert. Das war so und sie wußte nicht, ist das gut oder schlecht. Dabei hatte sie wirklich genug Probleme. Sonja ist 18 Jahre, ihr Vater starb vor wenigen Tagen. Eine Kutsche hatte ihn überfahren, die Pferde waren über ihn getrampelt. Sie stand nur einige Straßenecken weiter, gelehnt an der von der Sonne aufgewärmten Hauswand. – Sie hatte schon einen Freier gehabt an diesem frühen Abend, sie hätte schon nach Hause gehen können.
Vielleicht hätte sie ihren Vater dann getroffen, wie er schwankend den Weg nach Hause fand. Den fand er immer. Sie hätte ihn untergehakt, er hätte sie begrüßt: liebevoll und unwissend:
- Sonetschka, meine Sonne, gerade habe ich von dir erzählt. Ich bin so ein Nichtsnutz! – hätte er durch die Straßen geschrien, dass die Leute sich umsahen:
- Das einzig Wahrhaftige, was ich zustande gebracht habe, ist: meine Sonetschka. –

Und die Leute hätten sich umgedreht, hätten gesehen den Trinker und die Hure, die ihn den Weg entlang schleppt.
Und Sonja hätte sich geärgert über das Aufsehen, dass der Vater machte.

Nun, da sie im Bett lag, wünschte sie sich, einmal nicht genervt gewesen zu sein von ihrem Vater, von seiner Art –

Jetzt war die Mutter tot. Ihr Körper ist noch warm. Sie liegt im Nebenzimmer. Sie erstickte an ihrem Blut. Zusammengebrochen auf der Straße, jämmerlich, erstickt an ihrem Blut.

Es gibt viel zu tun. Die drei Kleinen stehen unter Schock. Sie schlafen jetzt. Das Weinen, das Kreischen hat sie müde gemacht.
Sie kann nicht mehr länger auf der Straße das Geld verdienen.
Aber wo soll es herkommen? Als nächstes wird ihnen der Hausverwalter die Wohnung wegnehmen.
Alles so etwas und Sonja denkt an Raskolnikow. Wie er eintrat für sie auf der Totenfeier ihres Vaters. Sie war so verwirrt und er sprach mit fester Stimme für die, für die sonst niemand spricht.
Er hat so edle Augen. Sicher führt er etwas im Schilde, von dem sie nichts weiß, von dem sie keine Ahnung hat.
Es ist nur so viel Leid in seinen Augen, dass es ihr Angst macht, davon zu erfahren. Und sie wird es erfahren.
`Und was bin ich nur für eine Egoistin!`, denkt sie, dass ich jetzt an ihn denke. Dass ich immerfort an ihn denke.
Sonja schläft ein. Der Regen rüttelt am Fenster, sammelt sich in einem dunkler werdenden Fleck an der Decke über ihr.
Sie nimmt die Tropfen, das Prasseln mit in den Traum.


Dosto (jewski) scheint manchmal selbst überrascht, von dem, was passiert in seinem Werk. Es geschieht so unvermittelt oder es tut so.



- 44 -

MANCHMAL
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Manchmal sehe ich dich
wie eine Fata Morgana
die Haare, das Fingernägelkauen
aber du würdest nie
ein Telefon am Ohr haben
und nie würdest du in
Bernau in der S-Bahn-
Tür stehen.


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KEINER
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Es gibt keinen nach dir.
Es gibt nur das Alleinsein.



- 46 -

NEULICH IM FLUR BEI AYSUN
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Ein Mann, groß und dick.
Alles ist dick und wuschelig, selbst die Lippen.
“Das ist Hartmut”, sagt Aysun.
Hartmut reibt sich die Augen. Er versucht ein Lachen.
Es wird ein Brummen, mitten aus dem dicken Bauch.
“Josie” sag ich und reiche ihm die Hand.
Er geht ins Bad und nimmt eine Zeitung mit.

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Hartmut am nächsten Tag am Esstisch in Aysuns Wohnzimmer.
Er bastelt an einer länglichen Plastikverpackung.
“Meinst du, das gefällt deiner Tochter noch, jetzt, wenn es geklebt ist?”

Aysun: “Das ist doch erst die persönliche Note!”

Hartmut entfaltet das Geschenk, ein Fächer aus japanischem Holz, braun, durchstochen in kleinen Ornamenten.
Er wedelt ihn damenhaft vor dem weißen Dreitagebart.

Aysun: “Ich bin sicher, daß er ihr gefallen wird. Ich würde mich sehr darüber freuen.”

Hartmut läßt den Fächer in seine Hand zurück: “Das wäre schön.”

Aysun: “Also mir würde er außerordentlich gefallen. So freuen würde ich mich!”

Hartmut: “Na, sowas – wenn das kein Wink ist.”

Aysun: “So, so sehr.”

Vielleicht gebe ich ihm heute abend den WILHELM. Nur, was soll ich sagen. Ob er ihn versteht? Das ist mir eigentlich egal.
Eigentlich will ich ihm etwas Gutes tun und mich interessiert, was er für Gedanken dazu hat.
Und welches Publikum er sich dafür vorstellen kann.



- 47 -

OMI
____

Omi will sterben.
Oder bilde ich mir das ein?
Sie schläft den ganzen Tag, aber
wenn ich weg bin, macht sie doch auch?
Ich verstehe das nicht.
Sie sah ganz blass aus und eingefallen.



- 48 -

PUDOWKIN SEITE 76
___________________

“Bei uns ist soviel über die Fabel geredet worden, und es wird noch viel über sie geredet. Doch urteilen wir vom ethischen Standpunkt über sie, ist ihre Ethik von Merkmalen des fünfjährigen Bürgerkrieges gekennzeichnet, und diese Ethik liegt dem Film “Es lebt sich sehr gut” zugrunde. Die Lösung der Konflikte ist nicht in einer dramatischen Linienführung der Fabel zu suchen, sondern in der Gestaltung der einzelnen Figuren, Situationen und Wechselbeziehungen. Diese sind so angelegt, dass die einzelnen Charakterbezüge, die verschiedenen Haltungen und oft auch das Unausgesprochene, mit der Psyche der Zuschauer konfrontiert werden. Beim Zuschauer soll das Empfinden für die Tendenz wachgerufen werden, in der sich kontinuierlich und organisch – doch deshalb bei weitem nicht abgeschlossen – die elementare Kraft der (sozialistischen) Ethik entwickelt. Einen ethischen Kanon besitzen wir nicht, aber lebendige Menschen, hinter denen zwölf bedeutsame Jahre liegen.”

Mit dem Sozialismus Begriff an dieser Stelle umschifft P. die konkretisierende Erklärung, wie mir scheint. Ein sich überholender Begriff, der in der geschriebenen Zeit sicher seine Nicker fand, die für uns (mich) heute aber wichtige Abhandlung des Eindringens der Fabel in den Film an dieser Stelle schwammig werden läßt. Was meinte “sozialistisch”, was meinte P. mit sozialistisch und wie ernst war es ihm damit?





- 49 -

LIEBER B.
_________

Ich habe auch Angst.
Angst, wieder einen lieben Menschen zu verlieren
bei der Arbeit. Die mir wichtig scheint. Die teuflisch ist.

Omi, erhol dich doch noch einmal!
Das ist doch nix, jetzt wo du so alleine bist, einzuschlafen.
Ist doch keiner da.
Warte doch auf mich. Nur einen Monat.
Das ist ein Verlust, den halte ich nicht aus.
Aber der Tod wartet nicht.

Er hält sich an keine Bequemlichkeiten, an keine menschlichen
Bedürfnisse.

Aber B., soll ich dir sagen, dass ich Angst habe? Du lachst doch nur.

Omi, morgen sehen wir uns und ich halte es kaum aus –
eine Überfürsorge.
Ich muß mit Aysun reden. Wieder meine persönlichen Befindlichkeiten
reinbringen.
Und mit Omi. Jetzt nicht, nur jetzt nicht.



- 50 -

DER TYP IN “VATERTAG”
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Anstatt Armen hat er Flügel. Statt einer Nase sitzt ein Schnabel.
Er ist klein, so dass er sich hinter Büschen verstecken kann.
Zum Gehen schaut er auf seine zu großen Füße und klatscht mit
Ihnen platsch ins Laub.


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AUS DEM SIMPLICISSIMUS

  Du sehr verachter Bauernstand
  bist doch der beste in dem Land
  kein Mann dich genug preisen kann,
  wann er dich nur recht siehet an.

  Wie stünde es jetzt um die Welt,
  hätt Adam nicht gebaut das Feld?
  Mit Hacken nährt sich anfangs der,
  von dem die Fürsten kommen her.

  Es ist fast alles unter dir;
  ja was die Erde bringt hierfür
  wovon ernähret wird das Land,
  geht dir anfänglich durch die Hand.

  Der Kaiser, den uns Gott gegeben,
  uns zu beschützen, muß doch leb`n
  von deiner Hand, auch der Soldat,
  der dir zufügt manchen Schad.

  Fleisch zu der Speis zeuchst auf allein;
  von dir wird auch gebaut der Wein
  dein Pflug der Erden tut so not,
  dass sie uns gibt genugsam Brot.

  Die Erde wär ganz wild durchaus,
  wann du auf ihr nicht hieltest haus
  ganz traurig auf der Welt es stünd,
  wann man kein Bauersmann mehr find.

  Drum bist du völlig hoch zu ehrn,
  weil du uns alle tust ernährn.
  Natur, die liebt dich selber auch,
  Gott segnet deinen Bauernbrauch.

  Von bitterbösen Podagram
  hört man nicht, dass an Bauern kam,
  das doch den Adel bringt in Not
  und manchen Reichen gar in Tod.

  Der Hofart bist du sehr befreit,
  absonderlich zu dieser Zeit.
  Und dass sie auch nicht sei dein Herr,
  so gibt dir Gott des Kranzes mehr.

  Ja, der Soldaten böser Brauch
  dient gleichwohl dir zum Besten auch;
  dass Hochmut dich nicht nehmet ein,
  sagt er: Dein Hab und Gut ist mein.   S.11

Bis hierher und nicht weiter kam ich mit meinem lieblich tönenden Gesang, dann ich ward gleichsam in einem Augenblick von einem Trupp Courassierer samt meiner Herde Schafen umgeben, welche am grossen Wald verirrt gewesen und durch meine Musik und Hirtengeschrei wieder waren zurecht gebracht worden.
“Hoho”, gedachte ich, “dies seind die rechten Kanzen, dies seind die vierbeinigen Schelmen und Diebe, davon dir dein Kuan sagte: “Davon ich sahe anfänglich Roß und Mann, wie hiebevor die Amerikaner die spanische Cavallerie, vor eine einzige Kreatur an und vermeinte nicht anders, als es müssen Wölfe sein, wollte derowegen den schröcklichen Centauris den Hundssprung weisen und sie wieder abschaffen. Ich hatte aber zu solchem Ende meine Sackpfeife kaum aufgeblasen, da ertappte mich einer aus ihnen beim Flügel und schleuderte mich so ungestüm auf ein leer Bauernpferd, so sie neben andern mehr erbeutet hatten, dass ich auf der andern Seite wieder herab auf meine liebe Sackpfeife fallen mußte, welche so erbärmlich anfing zu schreien und einen so kläglichen Laut von sich zu geben, als wann sie alle Welt zur Barmherzigkeit hätte bewegen wollen……
       Es geht weiter so wundervoll!




- 52 -


VICKY
______

Schnell schleuste sich Vicky an der Kasse vorbei. Der Kunde bekam von der Kassiererin eine Rose.
“Heute bekommen alle Kunden eine Rose.”
Durch den Ausgang ins Freie an den Typen mit den Hunden vorbei direkt in die Arme eines bekannten Gesichtes.
“Hausdetektiv Kaiser, machen Sie doch bitte mal die Taschen auf.”
Vicky: “Nee.”
Der Mann: “Na doch. Zeigen se mal, ob sie was gekauft haben.”
Vicky: “Nee.”
Der Mann: “Haben Sie nen Ausweis dabei, dann machen wir es kurz und schmerzlos.”
Vicky: “Ich war nie in ihrem Laden.”
Der Mann: “Wir kennen uns doch.” Er zieht sie am Ärmel in das Einkaufscenter. Keine Chance.
Vicky: “Sie können jetzt los lassen.”
Er: ”Sie kennen doch den Weg.”
Sie: “Nee, kenn ich nicht.”

Vorbei an den Kunden, Verkäuferinnen, gestapelte Kartons, in einen Raum ohne Fenster, Neonlicht.

Er: “Heute schon was gegessen?”
Vicky: “Nee.”
Er: “Willste eene rauchen, kannste!”
Er bietet ihr eine an.
`Warum`, denkt sie. Der Detektiv ist vielleicht so alt wie sie, einen Stiernacken und klein. Er schiebt einen Pappe unter die ersten drei Seiten des Protokolls.

“Ausweis.”
Vicky gibt ihm den Ausweis.
“Dreiunddreißig Jahre und sone Scheiße. – Hast du kein Geld?”
Vicky: “Nee.”
Er: “Gar kein Geld? Wovon lebst du?”
Vicky: “Das geht dich nichts an.” `Wenn der mich duzt, duz ich ihn auch.`
Er: “So, jetzt zeig mal deine Taschen, worüber reden wir denn hier überhaupt?”
Er wühlt in ihren Taschen.
“Weintrauben. Helle und rote? Das ist alles. Hast du wirklich kein Geld dabei?”
Der Verkaufsstellenleiter kommt herein, das steht auf seinem Schild.
Der Detektiv: “Kannst du mal abwiegen.” Der Verkaufsstellenleiter nimmt den Beutel mit Weintrauben.
Der Detektiv nimmt Münzen aus seiner Tasche. Niemand sonst ist im Raum. “Hier steck ein.”
Vicky: “Warum?”
Er: “Steck ein und hab dich nicht so.”
Vicky schaut auf den Tisch.
Er: “Was soll das mit dir werden? Wann hatten wir schon mal das Vergnügen? Ich kenn doch meine Leute? Ist schon länger her.”
Pause.
Er: “Was war das damals? Du hattest auch kein Geld.”
Vicky: “Das war am Potsdamer Platz.”
Er: “So so, und jetzt, warum bist du hier?”
Vicky: “Die Bibliothek.”
Er: “Aha. Nix zu tun, da liest du mal n bischen. Was hast du denn vor?”
Vicky: “Nichts.”
Er: “Wo soll das denn hin? Hast du keine Vorstellungen?”
Vicky: “Doch, das wird sich ja mal ändern.”
Er: “Aha, das wird sich ändern. In den letzten zwei Jahren hat sich aber nichts geändert. –  Nimmst du Drogen?”
Vicky: “Nee, warum?”
Er: “Weil du so nervös bist.”
Vicky: “Mir ist schlecht.”
Er: “Hast du denn keine Träume?”
Sie: “Doch.”
Er: “Und.”
Sie; “Eine richtige Familie z.B.” Es kam eine Welle in ihren Körper bis hoch zum Kehlkopf. `Schön aufpassen, lass dich nicht hinreissen. Aber es ist doch so. Ich bin so allein, so unendlich allein und ich klaue immer wieder – Das eine hat mit dem anderen zu tun irgendwie.`
Die Verkäuferin ruft durch den Gang.
“286 Gramm”
Der Detektiv notiert auf das Protokoll.
“Und was Kosten 286 Gramm?”
Die Verkäuferin: -
Ich meine, es ist das Alleinsein an sich, wenn die Freunde keinen Zugriff mehr auf mich haben und es keine wirkliche Familie gibt. Warum war W. nicht da? Weil ich zu kompliziert bin? Am Telefon fragt sie: Na wie geht`s? “Super”, sage ich: “Alles gut.”
“Kann ich gehen?”, frage ich leise.
“Ist es dir peinlich?”, fragt der Detektiv.
Inzwischen sitzt die Verkäuferin und noch eine am Tisch. Die eine öffnet den zweiten Joghurt.
Ich frage: “Bitte, kann ich gehen?”
Der Detektiv: “Ich denke nicht, die Polizei wird gleich hier sein.”
-
“Hier musst du unterschreiben.”
Er schiebt das Protokoll rüber.
Ich schaue aufs Blatt.
Der Detektiv: “Ich hab geschrieben, dass ich dich im Kassenbereich erwischt hab. Wär` sonst doof.”
Ich schaue weiter aufs Blatt, die Buchstaben schwimmen.
Der Detektiv: “Da steht auch nicht, dass du dich erst geweigert hast, mitzukommen.”
-
Da sind doch Fenster im Raum, zu ebener Erde. Mit Gittern davor.

“Bist du OK?”

Die Verkäuferin isst den dritten Joghurt.
-
“Ich habe sie schon das zweite Mal erwischt.”
Der Polizist schaut auf den Ausweis. Sein Pullover beult auf dem Rücken, der der Frau auch auf dem Rücken. Der Dritte hat eine Knarre.
“34 und weiss nicht, dass man sowas nicht macht.”
Vicky denkt: `Soviel Aufregung um 286 Gramm Weintrauben.
“Da kommt ja Hausfriedensbruch auch noch dazu.”
“Nee”, der Detektiv: “ist schon zu lange her, leider.”
Der Polizist schreibt weiter meinen Ausweis ab: “Aber vor den Richter kommen Sie so oder so. Und wenn Sie die Strafe nicht zahlen können, in den Knast. So läuft das.”
Die zweite Verkäuferin zur ersten: “Ibiza, vielleicht. Mein Mann will unbedingt ins Warme.”
Vicky rollen die Tränen. Der Detektiv hält ihr ein Taschentuch hin. Vicky denkt: `Was für`n Arsch.`



- 53 -

C., OMI UND KAFKA
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C. ist ein richtiger Mann. Ich fühle mich sehr wohl in seiner Nähe. Und ich werde wohl nie wieder Kompromisse machen in meinem Leben für einen Mann. Das ist sehr tragisch. Ausserdem fühle ich den Altersunterschied, wenn er mich berührt. Und doch kann ich ihn mit allen Sinnen geniessen wie ein Geschenk.
Und noch etwas ist neu. Jede Worte über uns, jedes Kompliment für ihn, klingen, würde ich sie aussprechen, albern und wiederholt. So reden wir gar nicht über uns und ich überlege mir, wie kann ich ihm ohne Worte zeigen, was er mir bedeutet. Was ich ihm wohl bedeute?


Die Liebe zur Omi ist eine ganz pure.
Sie – die Liebe - ist schwer zu ertragen
Ich bin schwer zu ertragen.


“Ich bin aber nicht schuldig”, sagte K. “Es ist ein Irrtum. Wie kann denn ein Mensch überhaupt schuldig sein. Wir sind hier doch alle Menschen, einer wie der andere.” “Das ist richtig”, sagte der Geistliche. “Ich danke dir”, sagte K. “Alle anderen aber, die an dem Verfahren beteiligt sind, haben ein Vorurteil gegen mich. Sie flößen es auch den Unbeteiligten ein. Meine Stellung wird immer schwieriger.” “Du missverstehst die Tatsachen.”, sagte der Geistliche. “Das Urteil kommt nicht mit einem Mal, das Verfahren geht allmählich ins Urteil über.” “So ist es also” sagte K. und senkte den Kopf.
       Kafka
       Der Prozeß 194 / 195



- 54 -

DER TURM
__________


         11.11.4

Im Morgennebel bricht der Turm.
Es war keine Hoffnung mehr
Das Maul des Baggers hatte
Sich schon an der Spitze festgebissen.
Es hielt den Biss mit gleichem Laut
Das Maul am langen Arm
Gefährt vielmals kleiner
Als der Turm
Die Menschen gafften im Morgennebel
Der Motor mit gleichem Laut
Das Maul festgebissen in der Spitze
Des Turms
Die Spitze brach
Der Motor nun in hohem Ton
Gleichbleibend.




Faust
Gustav Gründgens
Hanns Eisler
Goethe II. Teil

     Samstag abend
     Mi 1. 12.   19 Uhr
     Blomstedt     Messias

     16. + 17. 12.
     16. Dez. 10 Uhr Generalprobe


Ende Heft 1



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DER EINZIGE SINN
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DER EINZIGE SINN im Leben der Menschen am Hackeschen Markt besteht darin, dass sie angeschaut werden wollen.

Geliebte Omi, ich liebe dich.

Stanislav Lem: Die Falle des Gargancjan
Die Einführung bewegt sich um eine Banalität. Pirx träumt, er hat noch eine Münze in der Hosentasche. Ihm träumt es in der Schule und bis zur Auflösung des Rätsels in seinem Zimmer erfahren wir Zeit, - die Zukunft – einen Teil seines Charakters – `wenn ich könnte, ich würde` - und auch die Sprache des Autors.
Lem spannt und bewegt sich im Innenleben seiner Figur. Der Leser weiß weniger als die Figur bisher.
LITERATUR ist für mich nicht das Finden einer Form. Sie ist eher der Drang nach Forschen. Etwas mit Worten zu belegen, dass etwas Neues entsteht, was ich dann anschauen kann, was aber noch nicht endgültig ist. Ist die Endgültigkeit erreicht, sollte der Roman enden.



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EBERSWALDE
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Eberswalde ist das Gegenteil von “mittendrin”.
Eberswalde ist aussen vor.
Würde der Zeitraffer vor diese Häuser ziehen, würde er die Menschenleere gebären.
Früher hier ein Kunstgewerbeladen, heute nix.
Früher hier eine Drogerie, heute nix.
Früher hier eine wunderschöne Villa, heute ein Verkaufsschild vor eingeschlagenen Fensterscheiben.
Die Eisenbahnstraße zieht sich lange in den Tod bevor die Ausläufer des Einkaufscenters ein paar bunte Werbetropfen spenden.
Die Menschen auf der Straße haben schlechte Zähne und wuscheliges Haar.
Es lohnt sich hier mit der Arbeit zu beginnen in Eberswalde.



- 57 -

ZUM VATERTAG
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Radio

Die Bären erkennen am Geruch, ob Gefahr besteht oder nicht.

Schwanebeck – Nebel – Hochsitz, dunkles Holz
Baumreihe im Nebel
Reh sprintet entlang


Titelbild
Reh über Kimme und Korn im Target


Der Bär der Fuchs die Eule

Bastian: eine Parabel
Es wirkt
Tierfabel; Lessing als Lehrstück
Eine böse Fabel




- 58 -

GESCHICHTEN UM FRAU VIOHL
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HORST
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Horst hat Hände wie eine alte Eiche. Sie sind braun und groß, ihre Linien gleichen der einer Rinde.
Sechsunddreißig Jahre arbeitete er im Eisenwerk, dann wurde er mit einer Abfindung nach Hause geschickt.
“Ich war nie krank, aber das zählte nicht.”
-
Er arbeitet auf der LPG als Schlosser. Der Wirt wärmt das Bier für ihn in warmen Wasser. Zwei Bier, zwei Kümmerlinge, dann steigt er auf die Simson. Feierabend, die Frau wartet.
-
“Ich sag mal, Horst gehört nicht zu den Reichen hier in Vargula, wenn Sie verstehen, was ich meine.” Der Wirt erzählt, als Horst abhaut, als ich ihn frage, ob ich ihn fotografieren darf. Es wäre ein Foto geworden in der Sportgaststätte mit den braunen Glasfenstern – seine Arme auf dem Tisch verschränkt, die Augen blau, das Augenweiß ganz rot, der Blick gerichtet zum Fenster in die tiefe Sonne.
“ Ihm hat das Schicksal übel mitgespielt nach der Wende. Er arbeitslos, seine Frau keine Arbeit, der Sohn auch nicht. Ich glaube nicht, dass sie mit ihm tauschen wollen.”
-
“Noch zwei Jahre auf der LPG, dann zwei Jahre arbeitslos und ich habe es geschafft.” Ich verstehe nur einen Bruchteil seiner Sätze. Mir wird klar, dass dieser alte Mann erst 60 Jahre ist.
“Die paar Mark weniger, dafür schinder` ich nicht bis zum letzten Tag. Was wollen sie mir denn – hab doch alles. Dann schlachten wir ein Schwein, Hühner hab ich selber und Zeit.”
”Schmeckt auch besser.”, sag ich.
“Ja.”
Es gibt hier einen schönen Brauch in Groß Vargula, von dem der junge Pfarrer erzählt. Zum Pfingsfest sammeln sich die unverheirateten jungen Maiburschen und ziehen hinauf, um junge Birken zu holen. Die pflanzen sie im Dorf -  


DIE TREPPE IN GROß VARGULA
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Die Treppe in Groß Vargula liegt ruhig vor dem Schulgebäude im Schatten der großen Eiche. Sie scheint ein wenig zu dösen, ein leises Schnarchen ist zu vernehmen. Sicher träumt sie von den wilden Zeiten – den Zeiten des Aufbruches, als sie sich ärgerte, hier schon in ihrer festen Bestimmung auszuharren. Hinter ihr und über ihr und links und rechts von ihr passierte derart viel, daß sie sich am liebsten überall wünschte. Sie hätte ihre einzelnen Steine als Späher ausgeschickt in Gross Vargula und abends wären sie Stufe um Stufe zurückgekehrt und hätten berichtet von den vielen Neuigkeiten im Ort. Vargula – Verzeihung, Gross Vargula lag genau wie sie – die Treppe im Schatten von Langensalza und Hersleben, nur gekennzeichnet in Radfahrkarten.
Als GERDA aus Berlin sich hier vorstellte als Lehrerin, war die Treppe schon zehn Jahre alt. Die Republik war sieben Jahre alt, elf Jahre war es her, daß sowjetische Panzer die amerikanischen ablösten und den Frieden brachten.

Die Gesichter der Kinder hatten sich verändert. Das Lachen war zurückgekehrt. Das erste Mal hörte die Treppe wieder Kinder lachen, als der Faschingsumzug auf sie trampelte. Die Schritte waren leicht und schnell, sie massierten eher ihren grauen Pelz, als wäre eine Last von ihr genommen.
Gerda Grossmann kam aus dem fernen Biesenthal und wollte Handarbeitslehrerin auf einer Dorfschule werden. Doch die Zeit war nicht dazu. Es wurden die Hände gebraucht, um anzupacken. Der Schulhof wurde gepflastert, die Lehrerinnen gingen mit den Kindern zur Kartoffelernte.

“Die jungen Lehrerinnen saßen morgens immer auf der Treppe”, erinnert sich Horst Anhalt, “in schwarzen Hosen und breitbeinig. Da wußte ich als junger Kerl gar nicht, wo ich nun hingucken sollte.”

Der junge Horst stand 1952 auf der Treppe in Groß Vargula zum Einschulungsfoto. Dann ging er die Stufen täglich und nach acht Jahren stand er wieder auf den Stufen für das Entlassungsfoto.
Später fuhr er an den Stufen vorbei zur Lehre als Schmied zum alten Rubbert. Die Treppe sah zu, wie er den alten Rubbert überlebte, den Junior als Chef bekam und nach über dreissig Jahren von dessen Sohn gefeuert wurde.
Überhaupt sah die Treppe nach der Wende die Leute auch tagsüber.
Der Anhalt ist nun kurz vor der Rente, seine Hände sehen aus wie die einer alten Eiche.

Das Kitzeln der Kinderfüße auf ihrem ergrauten Pelz stoppte `93, als die Schule geschlossen wurde.
Es folgten der Tag und die Jahre der Einsamkeit.
Genoß die Treppe anfangs die Ruhe, wünschte sie sich bald an einen anderen Ort. Einen, an dem die Leute nicht so achtlos an ihr vorbeigingen.
Noch immer vernahm sie das Kindergeschrei morgens um 7 Uhr. Aber die Kinder rannten nicht zu ihr, sondern in den Bus, der sie wegbrachte in die umliegenden Orte. Und nachmittags rannten die Kinder wieder vorbei. Dabei hatte sich die Treppe schon so gefreut, jeden einzelnen Ziegel in Achtungsstellung gebracht wie der Dirigent das mit dem Heben des Taktstockes schafft. Sie wartete vergebens.
Irgendwann wurde die Treppe des Wartens müde. Sie sträubte sich nicht mehr gegen das Moos, das langsam über sie kroch.
Sie sah, wie der Horst an ihr vorbeifuhr. Sie erkannte sein Moped, den eintönigen Klang immer zur gleichen Zeit. Er fuhr ins Sportkasino, um sein Feierabendbier zu trinken.
Die Treppe sah, wie die Leute zum Friedhof gingen nebenan, wußte, dass niemand zu ihr käme.
Wenn sie nur jemand fragen würde; Geschichten könnten sie erzählen!
Sie hatte die Stiefel schon immer klatschen gehört vom Lehrer Soltau. Der wurde dann abgesetzt als die Herren wechselten und er als Nazi nicht mehr auf ihren Beton treten durfte.
Selbst den Schnarre hatte sie jeden Tag an seinen Arbeitsplatz gehievt. Der hat doch so gut mit den Kindern können und dann haute er ab in den Westen.
Über der Schultreppe hingen etliche Losungen, die Fahnen schwarz rot gold mit Hammer und Sichel – ohne Hammer und Sichel. Sie hat sich nie beschwert. Selbst als die kleine Silbermann stand auf ihren Stufen, bis sie eines Tages starb an Tuberkulose.
Und nun war sie ausrangiert – die Treppe. Kein Bedarf – ohne Dank und Blumen – nicht mehr notwendig.
Eine Bibliothek ist jetzt in der Schule. Sie hat geöffnet zwei Stunden in der Woche. Aber das hält das Moos auch nicht auf.
Einen Jugendclub gibt es. Die Mädchen sitzen vor dem Fernseher und wenn das Wetter schön ist, ja, auch mal auf dem kalten Beton.
Es ist eben ruhig geworden. So schläft die Treppe im Schatten der großen Eiche und träumt von besseren Zeiten.


EVANGELISCHES GESANGSBUCH ADVENT 3 KIRCHENJAHR
TEXT: THOMAS MÜNTZER 1523
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Gott, heiliger Schöpfer aller Stern, erleucht uns, die wir sind so fern, daß wir erkennen Jesus Christ, der für uns Mensch geworden ist.

Klaus – Michael – Stephan
Ruf – Leid – Aufbruch

Drei Plastiken 1989

eingehüllt in rote Fahnen
in einer, das Rot nach innen gekehrt
potentielle Energie – erste Statue könnte lesen, aber auch gleich platzen




GÖTTINGEN, FILMFEST, SZENENWECHSEL
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Ich will offen sein, lese den Katalog:

Es geht um “Stierkämpfe”, “nie gesehene Darstellung eines Stammes in Afrika”, die Leute “fühlen”, dass “Frauen und Kamera irgendwie zusammengehören.” Was für ein Bullshit.
Ich schlafe wohl weiter im Bus. Das war schön.
So wie ich mich aufgehoben fühle bei den Leuten in Langensalza, stößt mich das Unrealistische hier ab. Aber ich will nicht zu früh urteilen. Ich weiß nur, dass wir genug eigene Probleme haben, bei denen uns die fremden Völker nicht helfen können. Eventuell in ihrer Spiritualität.
So allein, immer allein. Einerseits verhaßt, I`m eating all the time. And on the other hand – schreibe ich – all meine Fantasie fließt in die Einsamkeit.



KIRCHENGLOCKE
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Kirchenglocke, Kerzenschein, zwei Schlafsäcke, das Wasser rauscht. Es ist gruselig und romantisch wie nie.

Thema: Hinterm Haus



THOMAS MÜNTZER
__________________

Die elf Mühlhauser Artikel, das revolutionäre Programm der städtischen Aufstandsbewegung

Mühlhausen zwischen 19. – 22. September 1524

Jhesus.

Das bedingen.

Gott zu loben hat die gemeyne zu Molhawsen /
von Sanet Nielaws, Sanet Jorgeum, Sanet Mar - /
garethenn und die leynweber, Sankt Jacoff und /
aus andern hantwergken vill vom regiment da- /
selbst gehandelt und ir urtel aus Gots wort be- /
schloßen. Wo dißer beschluß aber Gots wort ent - /
kegenstunde, sollt er gebessert und vorandert werden.

Erst artigkel.
Das man gantz eynen nauen rat setzen solle.
Ursach:  Auf das nach gottlicher forcht gehandelt, das /
 nicht mochte bleiben der alte hass cleben bleiben und der /
 mutwille sich nicht weyter erstregke, dar uns das /
 der theter und bewilliger gleicher straf wirdig seyn, /
 Römer 1, Luce 19 vom eygen – willigen Knechte, auf das /
 es nicht ein kuche werde, die draußent seynd und /
 hynnen, daraus dan der gemeyne eyn schade entstehen /
 mocht, dan die do schuldig seyn ist schwer, bye zu /
 richtern haben.

Ander artigkel.
Das man in die Bibel oder das helig wort /
Gottes bevel darnach Gerechtigkeit und urtel fallen.
Ursach: Auf das man dem armen thu wie dem /
 Reychen, wie Zacharie 17, Levitici 29, und 26,
 Johannes 7, Mathei 5, Luce 18.

Drytte artigkel.
Das man dem Rat keyne zeyt setze zu /
regirn, widder eyn jar noch zwei.
Ursach: Auf das sy nicht thun, was sy gelustet, sonder /
 recht urtel fellen und sych nicht uffbloßen und sich /
 selber vor heren halten, Judas in seiner canonica /
 und 2 Petri 21, von der gottloßen menschen samen 6,
 Deuteronomie 16 von /
 gottloßen regenten.

(…)

Jhesus
Diß schreyben wir euch christ - /
lichen brudern, das ir euch /
darnach wist zu richten.

An die Dorfschaft Horßmar.





- 59 –

TELEFONSEX
____________


ER: JA?

SIE: Hi.

ER (lacht): Na?

SIE (lacht): Na?

SIE: Hab ich dich geweckt?

ER: Nee.

SIE: Und? Wie wars? Wie lange war sie da?

ER: Nur heute. Von zehn bis …

SIE: Achso, ich dachte länger.

ER: Nee, ist doch inner Woche.

SIE: Und, hat`s ihr gefallen?

ER: Ja, naja, ist alles n bischen abstrakt, aber –
ER: den Laden fand sie schon gut.

SIE: Na siehste.

ER: dann warn wir noch aufm Weihnachtsmarkt
und –

SIE: auf welchem?

ER: Unter den Linden.

SIE: Ach, da gibt och een?

ER: Und im Bücherladen.

SIE: Haa. Habt Ihr was gekauft? Dein Weihnachtsgeschenk, ne.
Was hastn dir ausgesucht?
ER: Sag ich nicht.

SIE: Was? Warum n nicht? Musste schnell wieder vergessen.
ER: -

SIE: Hab deinen Brief bekommen. Hatte schon was geschickt. Naja, das kreuzt sich jetzt.

ER: Ja, heute kam deine Karte.

SIE: Ja, die mein ich – ich konnt ja nicht wissen, dass du doch noch schreibst.

ER: Ja, du musst manchmal einfach ein bischen warten.

SIE: Komm, ich hab anderthalb Wochen gewartet. Zeit, dachte ich, für eine kleine, sagen  wir, Spitze.

ER: Ja, ja abwarten musst du eben, das fällt dir nicht leicht.
ER: Rauchst du schon wieder?

SIE: Ich rauch immer.  (lacht)

ER: Oh Mann, denkst du auch mal an deinen Körper? Und was da drinne ist: Herz,  Lunge…

SIE: Ja, denk mal selber dran!

ER: An was?

SIE: An deinen Körper.

ER: Wieso? Ich lebe gesund.

SIE: Klar, dann ess mal vernünftig.

ER: Heute hab ich sehr gut gegessen.

SIE: Das glaub ich. Heut war ja auch Mama da.

ER: Ich frühstücke, da träumst du von.

SIE: Ja, das wars dann aber auch.

ER: Ja, und?
ER: Jaa.
ER: Ich hab von der Müller Inszenierung gelesen.
die muss wirklich gut sein.

SIE: Ja, die war hervorragend..

ER: Die ist Müllerspezialistin, aber das lief ja das letzte Mal.

SIE: Ja, ich hatte schon mal ne Karte, aber da war ich ja in …. Berlin.

ER: Hörte sich gut an.

SIE: Die konnte das darstellen, das Männerstück mit der Zerrissenheit des Autors.
Die hat noch eins inszeniert von – naja – Jelinek.

ER: lächeln
Die is doch auch nicht schlecht.

SIE: Naja, weiss nicht, die macht so  -

ER: Frauenliteratur. Schmunzel

SIE: mmh.
Ich wollte dich noch fragen nach deinem Urteil. Morgen läuft GEIERWALLY im  Volkstheater.

ER: GEIERWALLY?

SIE: Ja, von Hillern, kennst du? 1872 oder 27.

ER: Wieviel hastn noch?

SIE: Was? Du meinst Euro? Weiss nicht, das Licht ist grad ausgegangen. So zwei.

ER: Wieviel Minuten?

SIE; Keine Ahnung.

ER: Hab jetzt n Weihnachtsstern im Wohnzimmer.

SIE: mmmh! Selbstgebastelt?

ER: Nee, original. Aus Annaberg. In Rot.

SIE: Romantisch.

ER: Ist am Lichtschalter. Wenn de anmachst, leuchtet`s rot.

SIE: Ei, du bist ja n echter Romantiker. Finde bestimmt noch ne Kuschelrock CD…
ER: Oh, hör auf, ich leg gleich auf, einfach so.

SIE: Kann ich gar nicht glauben. Schön jemütlich.

ER: Da brauch ich ja bloß bei dir zu gucken, ne?
Und sehn, was wir da alles finden.
Da möcht ich gar nicht drüber nachdenken.

SIE: Komm, ich hab schon aussortiert. Ist nicht mehr so schlimm.

ER: Gar nicht nachdenken möchte ich darüber.

SIE: Immer gleich een zurück, wa?!

PIEP PIEP PIEP

SIE: Oh, es piept.

ER: Ist schon vorbei?

SIE: Na gleich.

Stille.

SIE: Na dann schlaf mal schön und frier` nicht so.

ER: Schlaf du auch. Allein.

SIE: Mach – sag

ER flüstert Tschüss

PIEP PIEP PIEP PIEP


- 60 -

DER KÜNSTLER
_______________

Der Künstler hat
oftmals eine verwundete Seele.
Aus dem Blut zieht er seine Inspiration.



ENGEL
_______

Engel mit verbundenem Kopf
Mama, schaue, wie ich falle.
Ein Teil starb mit dir als du gingst.




VERGEUDET
____________

Daß er sein
Leben so vergeudet –
für die Kunst –
das ist der Künstler.
Das kann doch nicht sein.
Immer, wenn es darauf ankommt, entzieht
sich der Künstler seiner
Verantwortung.

Früher
da ist das Genie im Massengrab
verschwunden. Gescheitert.
Heute
verliert man das Genie nicht aus
den Augen, keine Sekunde.


- 61 -

ER SIE ES
__________

ich du er sie
ich du er sie
ich du er sie
ich du
er
sie
ich
du
er
sie
ichduersie
ich und du und er und sie
ich du er sie
ich du er sie ich du er sie ich du er sie ich du er sie ich du er
sie
ich du er sie

eeeeeeeeeees


…..


DER DIE DAS
_____________


der die das
der die das
der die das
des dem meiner mir mich
des dem meiner mir mich
der die das

mama. arm.



- 62 -

EINE OPER FÜR 30 CENT
_______________________
Seite 1

VORSPIEL:

FAUST und MEPHISTOPHELES in einer Art Regieraum. Im Hintergrund hängen Monitore, auf Tischhöhe befinden sich Tastaturen und Meßgeräte. FAUST trägt einen schwarzen dünnen Mantel. MEPHISTOPHELES sitzt erhöht.
FAUST geht auf und ab.

FAUST:
Dass sie nicht fort wollen, fort wollen!
In ihrem Elend ersticken, ersticken.

MEPHISTOPHELES:
Sie können nicht, Faust.
Sie können nicht.



- 63 -

BEETZ
_______

15. Mai 2004

Mit Omi in Beetz. Hier war sie mit der Mutter bei den ungeliebten Großeltern.
Ich mache Notizen danach, Omi ergänzt.

Den wir getroffen haben, der hieß Zowe, Jahrgang 27

Lenchen ist bei ihren Kindern in Halle, nierenkrank, an der Dialyse

Trudchen ist gestorben (Omi: lebte in Potsdam)

Marianne war BDM Führerin, LPG Vorsitzende. Dann ist sie gestorben.

Hermann Seger ist im Krieg geblieben.
Ein Bruder ist noch in Beetz.

Bärenklau (Omi: 1935), wir sind bei der Frau von Wilfried Mörbitz (Omi: geb.: 34)

Reinhard ist schon länger gestorben (Omi: geb.: 30)

Wilfried ist im letzten Jahr gestorben.
Beide hatten Herzkrankheiten.
Wilfried hatte Krebs.

Der große Mann im Garten mit dem Hut mit der breiten Krempe,
(Omi: Das war wahrscheinlich Stiefvater Busch)



- 64 -

DICHTKUNST
_____________


Mädchen laufen uns auf der R.-Ruthe-Straße entgegen. Sie singen und lachen. Wir beobachten gerade die Hühner, als die beiden ganz aufgeregt stehenbleiben.

“Dürfen wir Ihnen ein Gedicht vortragen?”, fragt die eine.

“Nur zu.” sag ich.

“Emilie kann ihres auch singen. Wir haben es selbst geschrieben.”

“Wir lauschen.”, sag ich:


Gedicht 1:
Krokusse
________

  Krokusse wachsen meist auf großen Wiesen.
  Sie können blau oder sogar lila farbig sein.
  In den meisten Gärten gibt es viele Krokusse.
  Nur im Frühling wachsen Krokusse!

  Emilie Gust, 7 Jahre


Gedicht 2:
Am Strand
__________

  Es ist Sommer. Laura ist mit ihrer Familie an
  den Strand gefahren. Als allererstes zieht Laura
  sich um und geht ins Wasser. Lauras Eltern
  bauen das Zelt auf. Da kam Laura aus dem Wasser
  und sagte mir ist so heiß kann ich ein Eis.
  Da sagte ihre Mutter weil Ferien sind.
  Danke kann ich ein Schokoeis. Lecker. Schade der
  Tag ist um. Dann bis zum nächsten Mal.

  Else Radtke, 7 Jahre



- 65 -

ENDE
______


“Ich geh` da heut nicht mehr rauf.”

Dajana am See nach zwei Stunden Probe zum Stück “Terrorismus”.

“Ich muß kochen heut für uns alle.”


 
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